Die kleinen Dinge das Lebens – Was darf es denn sein, junger Mann?

Der Verfolger spricht:

Was darf es denn sein, junger Mann?

Mich traf es wie ein Schlag. Was hat sie gesagt?
Wie kann ich Ihnen helfen, junger Mann?
Ich war wie benommen.
Junger Mann, können wir etwas für Sie tun?
Ich war ganz weit weg von der Welt.

Woher kamen diese Worte?
Wieso vor allem kamen sie jetzt?
Es ist doch noch gar nicht so weit, sie müssen sich irren, jetzt doch nicht, nein, ganz bestimmt, sie müssen sich irren.
Ich kann, ich bin gar nicht gemeint.

Aber hinter mir steht niemand, vor mir auch nicht.
Und ich bin beim Bäcker. Wo sonst würde ich freundlich angesprochen werden? Die Dosen im Supermarktregal reden ja nicht mit mir. Oder doch, die reden auch, aber anders und sie sagen ganz bestimmt nicht: Was darf es denn sein, junger Mann? Es kann doch nicht sein, fast drei Jahrzehnte hat das niemand zu mir gesagt.
Damals ja, da war ich fünf oder sechs oder sieben Jahre alt. Da war das was! Aber danach, danach galt es nur andern. Es gilt überhaupt immer nur andern, jetzt auch. Die müssen sich irren. Geht doch gar nicht anders. Nie und nimmer ich, ich nicht. Nicht jetzt und nicht morgen. Und auch nicht nächstes Jahr.

Junger Mann, haben Sie sich entschieden? Da war es wieder.

Wie kann ich mich dagegen wehren? Den Laden wechseln? Aber wenn eine anfängt, machen das alle. Als hätten sie sich verabredet, als hätten sie mich ausgeguckt. Vernetzt? Bäckerfrauen? Bäckerfrauen vernetzt?? Die doch nicht. Aber wie machen sie das?
Selbst wenn ich den ganzen Tag „Die Bäckerblume“ laut vor mich hin dekliniere, es hilft nicht. Nicht dagegen. Sie wissen es einfach. Woher? Sie sind Bäckerfrauen. Das ist Teil ihres Wesens, ihres Daseins, ihrer Aufgabe auf dieser Welt. Dafür sind sie bestimmt. Sie wissen es und sie verkünden es. Und dann bist Du dran. Dann ist es aus und vorbei.
Und zum Teufel mit dem Genderscheiß, es gibt nur das „Junger Mann“. Eines Tages trifft es Dich und das war es.
Nie wieder wirst Du frei sein. Niemals wieder wirst du Dich jung fühlen. Hat erst einmal eine von Ihnen zu Dir „junger Mann“ gesagt. Kommt nur noch das nichts-mehr. So ab Mitte dreißig bist Du vier, fünf Jahre „junger Mann“. Vielleicht noch in die Vierziger hinein. Wechsle die Läden, wechsle den Bezirk, die Stadt, (bloß nicht auf’s Dorf, da kommt es früher als in der Stadt.) Alles verlorene Liebesmüh. Die ganz Schlauen gehen ab kurz vor dreißig nicht mehr zum Bäcker, schicken andere: Kannst Du mir ein Brot mitbringen, ja? Ach, und ein Stück Streuselkuchen. Kaufen ihr Brot aus dem Regal im Supermarkt. Es gibt auch Backautomaten, deswegen sind sie erfunden worden. – Sagt nur niemand.
Also ehrlich, ich bitte Dich, glaubst Du wirklich das hilft? Da ist es die Kassiererin bei Aldi, aus der kommt es plötzlich. (Sie waren früher beim Bäcker, oder Ihrer Mutter, es ist vererbbar, über Kreuz, Tanten zählen auch. Über Generationen.) Glaubst Du nicht, daß da längst einer mal gerechnet hat, was es kostet alle Bäcker aufzukaufen, und zack zu zumachen? Und den Bäckerfrauen einen Abfindung zu zahlen, nur weg aus dem öffentlichen Leben mit ihnen? Aus den Augen, aus dem Sinn?

Vergiß es.

Junger Mann?
Ja, ach, zwei Schrippen bitte.
40 Cent, brauchen Sie den Bon?
Nein, wozu? Ich kann ihn nicht essen.
Auf Wiedersehen.

Ich bin so müde.

Morjens

Junger Mann? – Alter Sack!

 



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