Odessa I – Erste Tage, Wohnungsuche und Freunde besucht

Tach,

Die Waschmaschine läuft, ich habe eine Stunde Zeit zum Schreiben:

Leider habe ich am ersten Tag das schöne Wetter etwas vertrödelt, weil ich mich mit meiner Technik beschäftigt habe. Ich bin am Nachmittag los und einfach auf’s Grotewohl hinaus gefahren. (Schon in der siebenten Klasse impfte uns unsere Deutschlehrerin ein, daß ein Apostroph nicht für zwei Buchstaben stehen kann, ein Laden der „Für’s Kind“ heißt, völlig falsches Deutsch sei. So sind die Lehrer, die im Leben eins gefunden haben an dem sie sich hochziehen, und das müssen die Kinder jeder Klasse auf’s Neue ertragen. Andererseits, sie hat es mir eingeimpft. Aber neudeutsch „aufs“ mache ich auf keinen Fall.)

 Alexander Pushkin

Rein ins Auto und ab. Nach zwei Straßen fuhr ich rechts rum. Hier im Schachbrett ist es etwas anstrengend, fast alle Straßen sind Einbahnstraßen, immer abwechselnd. Sowohl horizontal als auch vertikal. Das war die zweite Möglichkeit rechts zu fahren. Die Straße kam mir bekannt vor, man kann sie sich leicht merken, weil sie angenehmes Kopfsteinpflaster hat, nicht dieses gewölbte, sondern glattes. Ich bin eine Weile gefahren, und dann wußte ich wieder, wo ich war. Und tatsächlich da stand er, mein Freund Alexander Pushkin. Wir hatten uns im Sommer länger unterhalten, ich habe ihm meine Lieblingsgedichte von ihm genannt, und was ich sonst noch an Russen und Autoren anderer Länder lese. Mit meiner französischen Auswahl war er nicht so einverstanden, zu wenig, meinte er.

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Wie schon im Sommer 2014, sagte Alexander, daß er das ständige Rumstehen satt sei. Er will endlich mal wieder durch die Straßen laufen und sehen, was aus dem Odessa, das er kannte, geworden ist. Seitdem fahre ich jeden Tag an ihm vorbei und halte ein kurzes Schwätzchen, um ihn etwas aufzumuntern. Ich kann ihn da ja nicht loseisen.

 

Ich fuhr weiter und landete in einem Park mit Blick auf das Meer, der Taras Schewtschenko Park. Taras Schewtschenko zählt als bedeutendster ukrainischer Lyriker. Hier bin ich ausgestiegen. Erst einmal gab es einen Cappuccino aus einem Kaffee-Auto.

Dann bin ich in Richtung Meer gelaufen, auf einen großen Obelisken zu. Mann sieht, auf dem Odessa Stadtplan, notfalls über Google map oder Falk, daß parallel zum Meer ein grünes Band verläuft, mal dicker, mal dünner, das sind Parks und die Kolonnade, die ineinander übergehen. (nicht ganz, wie ich dann im Sommer 2015 gemerkt habe, ab und zu muß man zur Straße und um ein Haus, Grundstück herum laufen). Odessa liegt etwas höher als das Meer, zumindest die Altstadt. Ich kann das schlecht schätzen, 30/50 m. Von dort oben hat man einen schönen Blick über den Hafen auf das Meer. Und frische Luft vom Meer gibt es auch die Menge. Baden kann man hier nicht, hier ist der Hafen. „Unten“ ist zwischen Hafenanlage und der Mauer bzw. der berühmten Treppe nach oben, eine stark befahrene Straße/Rennstrecke, dort macht es keinen Spaß zu laufen. Aber hier oben um so mehr. Die Odessiten nutzen das auch sehr, es laufen ununterbrochen Menschen rum oder fahren Fahrrad.

Noch habe ich auf meinen Fahrten in den Osten keinen weiteren angelegten Radweg gesehen.

Noch habe ich auf meinen Fahrten in den Osten keinen weiteren angelegten Radweg gesehen.

Es gibt in dem Park, wo ich war, sogar eine zweiteilige Fahrradspur. Fahrradfahrer habe ich jetzt schon gesehen, obwohl es noch recht frisch ist im Februar. Zur Hälfte alte Zausel, mit Rädern von vor dem ersten Weltkrieg, und dann die neuen „No-Rules-Fahrer/innen“. Mehr als in Petersburg. Vor zehn Jahren waren drei Fahrradfahrer am Tag in Petersburg schon fast eine Sensation, heute sind es 30/50, die man an manchen Tagen sieht. Fahrrad fahren ist in der russischen Tradition etwas für die Datscha, damit fährt man zum Einkaufen in den Laden in der Siedlung, zum Milchwagen oder zum See zum Baden, jemanden besuchen vielleicht noch, aber doch nicht in der Stadt. Aber das ändert sich seit fünf Jahren stark, plötzlich gibt es im Supermarkt oder in der Metro Fahrräder zu kaufen. Katja hat sogar gerade irgendwo ein Gelbes gewonnen. Also muß es Menschen geben, die sie kaufen und nutzen. Andererseits haben ja russische Teams auch an der Friedensfahrt u. Ä. teilgenommen, Lilija und ich haben einen alten fünfziger Jahre Fahrrad-Club entdeckt, als mein Rad eine Reparatur brauchte.

Direkt unter mir war eine alte verfallene Hafenanlage

 

Zurück zum Hafen. Ich war an einem Monument, einem Obelisken, das Denkmal des unbekannten Matrosen, und habe dort meine GoPro aufgebaut und das Meer gefilmt, Content erzeugt, leider ist die Kamera für solch einen weiten „Blick“ nicht gedacht, aber die Aufnahmen aus dem Park mit den laufenden Menschen, den Kinderwagen, Fahrradfahrern sind ganz schön geworden, das muß aber alles erst geschnitten werden. Zum Ende standen zwei Jugendliche neben mir und grinsten mich an, riefen noch nach Kumpels. Da habe ich lieber eingepackt und mich verzogen. Gerade als ich alles zusammen gepackt und verstaut hatte, Punkt 17.00 Uhr, ging Musik aus dem Lautsprecher los.

Wie vermutlich in der ganzen ehemaligen Sowjetunion, gibt es in den Städten überall Lautsprecher, so auch hier. Unter unserem Küchenfenster in Petersburg hängt auch einer. Und tatsächlich, die Dinger werden benutzt. 1. Mai., 8. bzw. 9. Mai etc. Durchsagen, Marschmusik…. Ist schon etwas schrill durch eine beschallte Stadt zu laufen, und die meisten Reden sind dann auch schwer theatralisch. Alles etwas außerirdisch.

Ich stand am Monument für die Matrosen, und hörte Musik und solch eine theatralische Stimme. Dann fiel es mir ein, Lilija hat ja gesagt, sie gehen mit den Eltern ins Kino, weil heute Papas Tag wäre. Es war Männer-Tag, so heißt das seit ein paar Jahren, der „Tag der Armee“ war es früher. Solche Sachen werden hier (Russland/Ukraine) sehr ernst genommen, es gibt kleine Geschenke, vor ein paar Jahren haben ältere Offiziere in bestimmten höheren Rängen bzw. Rentner der Armee in St. Petersburg von der Bürgermeisterin ein Radio bekommen und und und. Nicht so schlimm, wie der 8. März, Frauen-Tag, aber ansatzweise.

Und ich hatte alles eingepackt!!!!!! Also versucht, schnell das Stativ aufzubauen, Kamera rauf und starten – und………. vorbei. So was doofes, das hätte doch nun mein erster toller Film werden können. Der Obelisk, die paar Leute, Blumen natürlich, hinten das Meer, und diese etwas sphärische Musik dazu. Na, dann nächstes Jahr (?).

Das Denkmal des unbekannten Matrosen. In der Nähe: das ehemalige Raketenversuchsgelände der Ukraine.

Ich bin zum Auto zurück. Und wieder dem Verkehrsstrom folgend, in der Hoffnung, ich erkenne etwas wieder. Habe ich aber nicht und bin so wieder mal zwanzig Minuten Auto gefahren, dann war ich am Bahnhof. Dort ist dann alles gut. Der Bahnhof und ausgerechnet der große MacDonald sind mein Nullpunkt, von dort finde ich den Weg. Manchmal etwas blöd, aber ich brauche doch etwas zur Orientierung. Der Bahnhof ist an dem südlichen Ende der Altstadt und Moldavankas. So teile ich die Stadt für mich im ersten Schritt in drei Teile. Norden, Mitte (Moldavanka/Altstadt), Süden. Eine große durchgehende Straße bis ins Viertel Bolschoi Fontain habe ich auch schon im Blut. Das sind immerhin 9 Km und keineswegs immer geradeaus. Durch Plattenneubauten und Stalinbauten und Häuser, die wie die aussehen, zu denen Lilija in Petersburg sagt: die sind von Deutschen gebaut. Am Anfang war ich verwirrt, warum sollten hier Deutsche Häuser gebaut haben, aber sie meint natürlich Kriegsgefangenen, Deutsche heißt Kriegsgefangene. Der Krieg ist hier immer noch sehr viel näher als bei uns, schon allein die vielen Feiertage, 9. Mai, Partisanen Tag, Veteranen Tag, Durchbruch der Belagerung von Leningrad etc. Katjas Kinderchor hat an solchen Tagen immer Großeinsatz von einem Altersheim zum nächsten, auch in die Parks geht es wenn das Wetter es zuläßt, die Kinder lieben es und die Alten auch. Einerseits verständlich, andererseits denke ich manchmal, armes Land, das nur einen großen gewonnenen Krieg vor 70 Jahren hat, als gesellschaftliche Klammer. So wirkt es auf einen Fremden.

Heute (am 5. September) habe ich noch ein paar Aufnahmen gemacht. Inzwischen ist die Anlage zum Obelisken erneuert worden, der Weg läuft sich besser und die Grünanlage in der Mitte ist auch neu.

Immerhin habe ich auf dem Hinweg eine sehr hübsche neue Kirche gesehen, bei der ich auf dem Rückweg gehalten habe.

Über die heilige Tatjana und die Kirche gibt es einen extra Text: http://birrs-world.com/?p=1502

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Die Kirche der heiligen Tatjana in Odessa

Am 25. Februar, Mittwoch bin ich dort runtergefahren. Ich hatte im Internet ein Haus gesehen zum Mieten, 110 qm, mehrere Zimmer, Terrasse, Garten mit Sitzplätzen und Grill Platz, viele Sofas zum rum-loungen dachte ich, wenn die Kinder kommen, kann jeder abhängen, ohne daß sich alle gegenseitig auf den Keks gehen, wenn es nötig ist. Das ganze für 15 € am Tag. Aber leider lag das Haus dann doch an einer sehr befahrenen Ausfallstraße, schon am Nachmittag sehr befahren. Und dann diese Gegend, auf unserer Fahrt von Odessa zur ehemaligen Festung Akkermann und weiter nach Rumänien, sind wir durch viele solche Orte gekommen. Die Menschen verstecken sich hinter hohen Mauern oder Blechwänden. Links, rechts ist nichts zu sehen, nur diese Wände, keine Häuser, keine Gärten, keine Bäume, nur diese Blechwände. 2 Meter hoch. Vor 12 Jahren, als ich das erste Mal auf der Datscha der Schwiegereltern war, war es wie bei uns, bei den Laubenpiepern, es sind nur größere Grundstücke, und größere eigenwillige, selbstgebaute Häuser. Aber man konnte spazieren gehen und sich die Gärten ansehen, wie auch in Berlin, wo man durch die Schrebergärten spazieren kann – Nebenbei, es gibt eine Verordnung aus der Zeit, als mit den Schrebergärten begann in Berlin, und darin heißt es, daß die Zäune der Gärten nur eine bestimmte Höhe haben dürfen, ich glaube 1,10 Meter. Der Grund ist, die Menschen die keine Laube haben, dürfen durch die Kolonie spazieren und sollen in die Gärten sehen können, um sich zu freuen, zu erholen. Also das ganze Gegenteil von für sich sein, und abgesperrt sein. – Ein, zwei Irre gab es damals schon, die sich eingemauert hatten. Jetzt haben fast alle solche Blechwände hochgezogen, sie leben in einem selbst gewählten Knast, mann fährt den Datschenweg wie durch einen Tunnel. Es ist schrecklich.

Jedenfalls, dort draußen wollte ich nicht wohnen, der versprochene Strand war auch ein Reinfall. Steine und Wellenbrecher, wie bei einer Hafenanlage. Oben ein bißchen Grün und ein Hundehaufen neben dem anderen, von allem anderem Müll und Kippen ohne Ende ganz zu schweigen. Da mag man nicht rumlaufen, und mal eben in die Stadt gehen auch nicht, dazu ist sie zu weit entfernt.

Leonid Utjossov

Am Montag Nachmittag, jetzt bin ich wieder am ersten Tag, habe ich dann noch meinen anderen Freund in Odessa besucht, der sitzt im Stadtgarten fest. Wir hatten mehrere längere Gespräche letzten Sommer. Ich kenne ihn von vielen Filmen und Liedern: Leonid Utjossov. Ich möchte gern seine Musik veröffentlichen und habe mich mit ihm darüber unterhalten. Ob er weiß, wie viele Plastinki er aufgenommen hat. (Plastinki sind sowohl Shelllack-Platten, 78 rpm, als auch Vinyl, ich habe natürlich über Shelllack-Platten gesprochen). Wie kaum anders zu erwarten, wußte er es nicht. (Kümmern sich Künstler eigentlich nie darum? Mein Freund Tav Falco scheint die Ausnahme zu sein) Utjossov freut sich immer, wenn sich jemand für mehr interessiert, als nur ein Photo mit ihm zu machen. Ob denn nicht mal ein Fan vorbei käme, der eine Liste mit seinen Aufnahmen hat, nee, aber an Feiertagen kommt seit Jahren durch die Lautsprecher der Stadt sein Lied „Odessa Mama“, das sei doch schön und er hört es auch immer noch gerne. Nun er erinnerte sich an mich und wollte wissen, wie weit wir wären. Lilja hat die Tracklisten fertig gemacht und ich muß mir das noch einmal ansehen, eigentlich würden wir gerne chronologisch veröffentlichen, aber ohne Discographie wird das wohl nichts. Also mischen wir nach Geschmack und das dauert dann immer ein bißchen, bis es rund ist. Was denn noch so Russisches käme. Oh sagte ich, augenblicklich sitzen wir an einer Anthologie des Sowjet Jazz, Clavdia Schulshenko ist schon länger veröffentlicht, und ein ganzer Berg Lescheko kommt, ca. 90/100 Titel und natürlich Vertinsky. Und dann noch Musik von Zigeunern. Ich soll mal „hinne machen“ und nicht so viel quatschen und noch nach andern Odessiten suchen, sagt er zum Abschied, denn ich muß für das nächste Photo Platz machen. Auch bei ihm gehe ich regelmäßig vorbei.

 

Alexander Pushkin

Im Gegensatz zu MRR bin ich durchaus der Meinung, daß man Gedichte von Puschkin auch auf deutsch lesen kann, warum soll der Satz, daß bei der Übersetzung etwas verloren geht, ausgerechent bei Pushkin mehr gelten als bei anderen, oder sogar so sein, daß sie nicht mehr lesbar wäre. Der Logik zufolge könnte man doch gar nichts Übersetztes mehr lesen.

Ich habe einen kleinen Reclamband mit Gedichten, zweisprachig, von Pushkin immer bei mir, ich habe ihn mir binden lassen und sogar ein Lesezeichenband dazu bekommen.

Peter Urban hat für die Friedenauer Presse Prosa übersetzt:

Die Erzählungen – Die Romane, zwei Bände im Schuber, neu 50 €, gab es einzeln und gebraucht sind sie sicher billiger zu finden.

Leonid Utjossov

gibt es erstmal gar Nichts oder immer das gleiche Zeug auf CD, allerdings nicht in Deutschland.

Wir haben jetzt 246 Titel zusammen, da muß ich noch durch, ob es keine Doppelten gibt, die sollten chronologisch erscheinen, geht aber leider nicht.

Auf jeden Fall kommt ein Album mit Liedern aus Odessa und eins mit Gauner Liedern, „Blatniaks“.

Das erscheint noch im Herbst 2015 bei Salt &Pepper auf dem Label Russian Nights und steht dann zum Downloaden bzw. Streamen bereit.

Mein Lieblingsfilm mit Utjossov: Lustige Burschen von 1934, zählt als erstes sowjetisches Musical. Die Berliner waren da besser dran als die Westdeutschen, wir konnten ja Zonen Fernsehen gucken, DDR I & II. Da liefen immer und ewig auch die russischen Klassiker, und ich kann mich an „12 Stühle“, „Diamanteten Arm“ und eben auch an Lustige Burschen erinnern, und wenn mir Lilija welche zeigt, gucke ich gerne, aber kann mir ein „kenne ich doch alles“ nicht verkneifen. Und manche Lieder von Dunajewski kann ich auch schon auf russisch mitsummen. Macht nichts, manches kann man ohne Ende sehen. Wie oft habt ihr die „Feuerzangen Bowle“ und ähnliche UfA Filme gesehen? Oder Doris Day Schinken, Karl May Filme…. Genau, so ist das auch mit diesen sowjetischen Klassikern. – Früher natürlich, meine ich, z. B. „Der Filmclub“ im Dritten Montags, im SFB, alle Humphrey Hammer, hundertzehn Mal wiederholt. Heute läuft seltsamerweise gar nichts mehr davon bei uns. Vielleicht weil Kirch Pleite ist? So etwas sind die Utjossov Filme für die Russen.

Morjens


2 Antworten zu “Odessa I – Erste Tage, Wohnungsuche und Freunde besucht”

  1. Gaston BayleDesign sagt:

    Ist gut, wenn zwei Freunde zu treffen !

  2. Birr's World sagt:

    Vor allem wenn die nicht weg können.

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