Russia 2017 Sommer – Fahrradfahren I

Tach,

Heute, 15. August 2017, also die erste ernsthafte Fahrradfahrt in Petersburg, 18.3 km. Vor Jahr und Tag, als Pico auch mal mit hier war, hatte ich uns in der Metro Fahrräder gekauft. Ich selbst bin ein bißchen hinter dem Büro herum gefahren und das war es. Sonst auf der Datscha, zum See, aber so richtig, wie später in Berlin, wie jetzt wieder in Berlin, bin ich nie gefahren. Das ist bestimmt fünfzehn Jahre her. Im Gegensatz zu Odessa vor zwei Jahren, habe ich diesmal das Fahrrad mit, weil ich ernsthaft fahren will. Ich will die zwanzig km pro Fahrt stabilisieren und schneller werden. Vielleicht auch mal eine Fahrt zu Tanja Skorlupkina, aus der Stadt raus, an der Ostsee lang, das wären dann aber vierzig km, eine Tour, und dann mit dem Zug zurück. In der Zwischenzeit hat sich hier schon etwas für Radfahrer getan. Tatsächlich gibt es aufgemalte Radwege, und die Innenseiten der Fluß/Kanalstraßen haben zum Theil blaue Gebotsschilder mit Fußgängern und Radfahrern drauf.

Im Vorfeld bin ich mit Lilija zusammen Straßen lang gefahren, von denen ich dachte, daß ich dort fahren könnte. Wir haben Touren ausgeguckt. Ein bißchen weg von uns, vom Zentrum, gibt es Neubaugebiete. Dort, wo wir früher gewohnt haben, am Kulturprospekt. Dort gibt es parallel eine Art Park. Wir haben geguckt, wieviel km das sein könnten, ob ich dort fahren darf/kann. Das Problem aber ist z.B. der Weg von hier aus der Ul. Malaja Possadskaja zum Park am Kulturprospekt. Da wird es haarig. Jetzt muß ich ein bißchen ausholen,…

Ich bitte zu berücksichtigen: Von den Schuhen auf Photo eins gehört mir nur ein Paar! Ich bin völlig unschuldig.

Der Eine, die Andere wird sagen „ihh“ Neubaugebiet, und hat ja irgendwie Recht. Aber von Ecke zu Ecke ist in den Neubaugebieten in der Regel ein irre langer Weg. Kaum zu Fuß zu bewältigen, jedenfalls nicht für lahme Westeuropäer. Aber das bedeutet für mich erst einmal eine gerade Strecke, auf der ich fahren kann, ohne daß ich alle paar Sekunden eine Querstraße habe. Außerdem gibt es oft bei den großen Straßen in der Mitte einen Grünstreifen, dann kommen rechts und links drei, vier Autospuren, danach jeweils wieder ein Grünstreifen, einer hat manchmal eine Straßenbahnlinie, nach dem Grünstreifen kommen die Spuren direkt vor den Häuser, wo mann auch parken kann, und dann in der Regel noch recht breiter asphaltierter Fußweg. D. h. ich kann auch relativ sicher, geschützt vom fetten Verkehr, fahren. Das sind die Straßen, die nach Norden führen. Dieser Park ist vor dem Neubaugebiet, er begrenzt es und zwar von Osten nach Westen. da sind Entfernungen von einer Ecke zur nächsten noch länger. Das Längste, was ich im Auto gemessen habe, war eine Strecke mit 2,5 Km. Viermal rum sind auch 20 km. Fahre ich auf der Innenseite, das heißt auf der Parkseite, habe ich auch keinen Verkehr, der aus einer Ausfahrt kommt, wenig Fußgänger etc. Das ist ein hübscher Plan. Aber um dort hinzukommen, muß ich stark befahrene Ausfahrt-Straßen nehmen. Ich gestehe es gleich. Ich hasse Erwachsene, die in Berlin auf dem Bürgersteig fahren. Sollen sie laufen, wenn sie Angst haben, oder sich ein Kissen unter den Hintern binden, wenn das böse Kopfsteinpflaster den armen Popo malträtiert. Aber Schande auf mein Haupt, hier fahre ich über den Bürgersteig, durch den Park auch, hauptsächlich. Ich habe schlicht Angst. Autos, Busse und Straßenbahn. Alles macht Jagd auf den Fahrradfahrer. Naja, vielleicht nicht ganz so. Aber seit achtzehn Jahren komme ich nach Petersburg. Am Anfang gab es gar keine Radfahrer. Radfahren macht man auf der Datscha, hieß es damals, nicht in der Stadt. So nach und nach kamen dann die Radfahrer, manchmal habe ich drei, vier an einem Tag gesehen. Jetzt sind es immer noch wenig für unsere deutschen Verhältnisse, eher fünfzig/hundert am Tag. Was ich damit sagen will, es gibt zwar mehr Radfahrer und tatsächlich kann mann sein Rad z. B. auch mit dem Vorortszug mitnehmen.

Unten angekommen.

Aber es gibt quasi, wie das auf Neudeutsch hieß, keine Fahrradkultur. Unsere natürlichen Feinde, die Autofahrer und Fußgänger wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, wie sie sich verhalten sollen, wenn sie auf einen Radfahrer treffen. Sie nehmen sie ja nicht einmal war. Heute z.B. habe ich im Park, wo mann auch fahren darf, geklingelt, weil ich auf eine Mutter mit Kind zufuhr, die quer im Weg stand. Die Mutter hat sich in zwei Richtungen umgedreht, aus denen ich nicht kam! Was ist denn das für ein Geklingel?, mann kennt es schlicht nicht. Dazu kommen die grottenschlechten Straßen und die horrorhaften Straßenbahnschienen, die alle ausgewaschen sind und hochstehen über dem Straßenniveau. Ich habe einfach Schiss überfahren zu werden, deswegen Bürgersteig.

Noch schnell einen Schlick Wasser und die Sonnenbrille aufsetzen.

Heute bin ich eine Strecke gefahren, die nach etwa einem km vom Haus anfängt. Ich fahre von hier zum Botanischen Garten, dort zweimal über beampelte Kreuzungen und bin am linken Ufer der sogenannten Großen Newa. Dort ist ein etwa zwei Meter breiter Fußgänger/Radweg. Weiter hinten wird es schmaler, aber erträglich, auch ist die Straße wenig befahren. Die Straße biegt nach links von der Newa, die sich dort in Kleine und Große Newa teilt. Ich bleibe am Wasser und fahre durch einen kleinen Park, vorbei an der Petersburger Wohnung von Alfred Nobel. Aus dem Park geht es nur mit Fahrradtragen raus, an dem Ende sind Stufen, von dort fahre ich nach rechts auf dem Bürgersteig über die Kleine Newa. Am anderen Ende der Brücke ist die „Stein Insel“. Ein ruhiges gut beparktes Eiland mitten in der Stadt. Nichts für uns die Preise dort. Durch die Insel schlängele ich mich zur rechten Seite durch und fahre wieder an der Großen Newa. Bis zur Spitze der Insel, dort ist eine Fußgängerbrücke, die mich auf die nächste Insel bringt. Diese Insel heißt Elagin. Die ganze Insel ist der Tsentralnyj Park. So ein bißchen verzweigt wie die Jungfernheide. Hier gibt es Spielplätze, einen Platz für Beachvolleyball, diverse Restaurationen, mann kann Böotchen mieten, Klettern etc. Die großen Wege sind asphaltiert. Um 18.30 war der Park rappel voll. Ich bin bis zum Ende der Insel gefahren und habe dort eine Pause gemacht. Bißchen gesessen, Wasser getrunken, die Ostsee angesehen und dann zurück. Etwas anders zurück, bis zum ersten Park. Alles zusammen – sagt mein Tacho – 18,3 KM, der Yandexplan, auf dem mir Katja die Route eingetragen hat, sagt 16 km. Was soll ich mich streiten, bin zwei Stunden Rad gefahren, darum ging es.

Und Thomas, anders als in Berlin? Erzähl mal.

Nu, sehr anders. Außer in der Nevski (Kudamm) Gegend, sind alle Bürgersteige nicht gepflastert, sondern asphaltiert, eigentlich gut, aber letztlich doch sehr uneben und viel kaputt. Das geht aber, blöder sind die verdammt hohen Bordsteinkanten, 20/25 cm ist normal. An großen Ecken, breiten Straßen, fangen sie an den Bürgersteig zu senken, damit Kinderwagen besser die Straßenseite wechseln können. (Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einen Rollstuhlfahrer gesehen habe, für die ist es nicht, von denen ist die Stadt „gesäubert“.) Also heißt es aufpassen um nicht aufs Maul zu fallen. Am Newa-Ufer ist Platz für alle. Aber dazu gehören Radfahrer nicht, wie oben schon beschrieben, sie sehen Dich an, sie sehen Dich kommen, aber keine Reaktion zeigt etwas an. Das hatte ich ja auch in Odessa. Und natürlich die armen Hundchen, die dürfen einem auch vor das Rad laufen. (Grrrr und drüber, das wäre es mal. Aber nein, mache ich nicht.) Wer steht am meisten im Weg im wörtlichen Sinne von ihm, quer oder sonst wie, die lieben Jungeltern, mit den Kinderwagen, Gör und das Ältere läßt seinen Roller auch quer liegen. Motto: Wie, hier gibt es noch mehr Menschen außer uns, ist mir gar nicht aufgefallen. Da nehmen sich die Väter und Mütter nichts. Sie sehen Dich kommen, eigentlich ist der Weg breit genug und… nichts. Also doch sehr wie in Berlin. Die anderen Radfahrer wissen auch nicht so recht, was sie machen sollen, wenn Du Ihnen entgegenkommst oder durch bimmeln anzeigst, daß Du überholen willst. Früher losfahren, in der Hoffnung, der Park ist um die Mittagszeit leerer. Problem ist noch über die großen Straßen zu kommen, trotz Ampeln und Zebrastreifen. Der Übergang an der Steininsel hat 110 Sekunden für die Autos, und 23 für die Fußgänger, was reichen würde, wenn die Hirsche nicht immer noch bei dunkelgelb fahren würden und dann den Zebrastreifen zustellen, drei Reihen nebeneinander versteht sich. Ich bin abgestiegen und habe uns da durch geschoben. Rückweg auf der anderen Seite dieser Brücke, ich hatte es vergessen. Es gibt Stellen in St Petersburg, dort schaltet ein Polizist den Verkehr. Ich denke, ich habe rund drei Minuten dort gestanden, mit mir vier weitere Räder, auch eine ältere Dame mit Rad, Hut ab, und ca. 20 Fußgänger, auf der anderen Seite dasselbe. Wozu ist eine einzige Handampel gut auf einen kilometerlangen Strecke? Die davor, die danach ist wieder automatisch. Keiner weiß es.

Das bleibt jetzt meine Strecke für die nächsten drei, vier Fahrten, immer ein Tag dazwischen ist das Sportstudio dran. Falls dann der Bus fit ist, fahre ich mit dem Bus zum Kulturprospekt und habe das Rad im Auto, brauche ich es auch nicht immer rauf und runter zu tragen. Da ist es dann doch ein „Lastenrad“. Am Park kann ich auf Kondition fahren, hoffe ich.

.. und wech is er.

Morjens

Meine heutige Tour.

Alle Photos Lilija Birr-Tsurkan.

 


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