Mein St. Petersburg – Der Flohmarkt Udelka

Tach,

Mit Lilija war ich schon ein paarmal auf dem größten, wenn nicht einzigen Flohmarkt, den es in Petersburg gibt. Angeblich der grüßte Russlands, aber das kann auch Touristen-Promotion sein. Ich kann es mir nicht vorstellen, daß es in so einer Riesenstadt nur einen solchen Markt gibt, aber im Sommer 2015 sind wir alle Plätze, an denen auch andere Flohmärkte sein sollten, auf unserer Seite abgeklappert. Alles war leer bzw. es stand ein Neubau drauf.
Zum Udelka gehen wir viel zu wenig, ich weiß, aber was soll ich sagen, ich bin zu wenig, zu kurz in Petersburg. Schwiegereltern, Freunde, Denkmäler, Wochenmärkte und Ausstellungen wollen besucht werden, auch mal nichts tun soll sein und Freunde kommen uns besuchen, und schwupp, die Zeit ist vorbei. In diesem Jahr war ich nicht mal in der Banja, und das will was heißen.

Zuletzt waren wir hier Anfang Januar 2016. Im Laufe der Jahre, in Russland dauert alles etwas länger, allerdings so lange wie der Flughafen in Berlin auch wieder nicht, ist der Markt aufgehübscht worden, ohne daß der chaotische Charme, der hier herrscht, zerstört wurde. Es gibt jetzt ein paar Häuser am Anfang, dort ist eher Markt mit neuen Sachen, Drogerie, Kleidung, Schuhe. Kommt mann von der Metro bzw. von der Elektrischen, geht mann in Fahrtrichtung vor, nach rechts über die Gleise und dann wieder rechts, nach hundert Metern ist mann schon mitten drin.
Hier ist ein Umsteige-Bahnhof. Die Elektrische ist die Vorort-Bahn, die die Menschen zu den Datschen bringt. Die Stationen heißen beide Udelnaya, nach dem Dörfchen, was hier einmal war. Im Volksmund, Russen kürzen einfach alles ab, wird dann Udelka draus. Es ist wieder die Metro Linie 2. Touristen können vom Newski Prospekt durchfahren. Lilija hat Photos gemacht, Impression vom Udelka, die Stimmung eingefangen.

Wer verkauft, was gibt es?
Jeder und alles. Viele Menschen haben Decken und sitzen auf dem Boden und bieten ihre gebrauchten Sachen, Kleidung, Schallplatten, Koffer, Werkzeug an. So wie bei uns Kinder in der Straße sitzen und ihr altes Spielzeug anbieten. Das ist oft sehr armselig und ich frage mich, wer denn das noch kaufen soll. In der Ukraine war es ähnlich, mann merkt den Menschen an, daß es nicht zum Spaß ist, sondern aus Armut, sie brauchen Geld.
Wer ein bißchen investieren kann, kann sich einen Platz an einem überdachten Stand mieten, nehme ich an. Denn viel war dort leer, also kann mann nicht einfach seine Ware dort hinlegen. Das sind dann meist schon Sammler, denke ich, die Ihre Doubletten an Orden, Briefmarken oder Münzen feilbieten, auch Radios und Instrumente. Auch Kleinsthändler, die einen Kofferraum voll Ware haben. Alles etwas professioneller, und für mich vor allem Rücken schonender.
Dann gibt es aber auch professionelle Händler, die haben an der Seite zur Bahn und an der Kopfseite, am Ende des Marktes Wellblechhütten. Sie verkaufen hier, mann kann sich unterhalten, alle haben irgendwo ein Lager, sagen, ja habe ich, wenn mann etwas sucht, aber ans Lager lassen sie einen nicht. Das haben wir oft versucht. Nein, nächsten Sonnabend, habe ich es mit, ich reserviere es. Daran scheitert es dann.

Die Händler haben Radios, Bakelit, Samowars und Theegläser, die berühmten russischen, Spazierstöcke, irgendwelche Bilderschinken. Kleidung, die elegant wäre, aus den Vierzigern, oder so etwas gibt es nicht, aber bitte nicht vergessen, hier war Sowjetunion, Sozialismus, wo soll da Eleganz herkommen. Es gibt sehr viel Military, vor allem auch Deutsches Reich, mit tonnenweisen Hakenkreuzen, Waffen. Kinderspielzeug, das nett wäre, habe ich nicht gesehen. Ü-Ei ist auch hier eine Plage, das ist das Level.

An dem Stand trinken wir immer Thee, das ist ein „richtiger“ Händler.
Bücher weniger, das scheint gar nichts wert zu sein. Für andere Sachen halten sie schon die Hand auf. Das ist auch das Problem, mir sieht mann den Westler auf Hundert Meter gegen den Wind an, Lilija ist nicht gerade die Feilschkönigin, an uns wollen sie verdienen.
Aber ein Problem ist, mann muß wirklich lange suchen, oft kommen, bis mann mal etwas findet, was in einem einwandfreien Zustand ist. Einen Stand, der nur quasi perfekte Ware hat, gibt es gar nicht. Es sind Ausnahmen, wenn mal etwas einfach nur ganz ist, alles ist angestoßen, es ist etwas abgebrochen und, und, und… Weshalb es mir auch keinen rechten Spaß macht dort rum zu laufen. Aber die Hoffnung stirbt auch hier zuletzt. Ich will keinen Plunder kaufen, nur um ihn zu haben. Die Händler sind wie bei uns, gleichgültige, ein paar freundliche, und ein Haufen Muffelköppe. An eine Szene erinnere ich mich, ich habe einen Stoß Shelllacks durchgesehen und der Typ hat mich ununterbrochen voll gelabbert, ich soll aufpassen, ich soll die nicht durcheinanderbringen – als ob sie sortiert gewesen wären – etc. Es ging so weit, daß ich gesagt habe, ob er glaubt, daß ich die Dinger kaufe, ohne sie mir vorher anzusehen. Da hat er sie mir aus der Hand genommen. Es gibt eben überall auf der Welt Idioten.
Lilija hat sich eine Kaffeemaschine gekauft, vom Anfang des Jahrhunderts, so etwas was heute wieder aktuell ist, die Plakette sagt, daß die Firma 1905 einen Preis gewonnen hat für das Geräte. Er wird mit einem Spirituskocher betrieben, aber wir haben ihn noch nicht benutzt.

Lilija hat natürlich auch einen Holzkohle Samowar, das ist etwas besonderes, elektrisch kann jeder. Aber leider wird er kaum benutzt. Nur wenn er ab und an im Sommer auf die Datscha gebracht wird. Und ja, es ist keine Einbildung, daraus schmeckt der Thee besser. Vitaly, der Freund von meinen Schwiegereltern, hatte auch einen, bei ihm gab es leckern grünen Thee aus dem Samowar.

Lilija trägt den Samowar zum Theehäuschen. Ihr Vater, Fjodor, hat einen alten Auspuff (?) angebaut, einen Schornstein, damit der Samowar Zug bekommt. Ich füttere ihn von oben mit alten Walnüssen. Und dann kommt er ins Theehäuschen.

Wer zum Flohmarkt will, sollte auf jeden Fall in den Wetterbericht schauen, das ist unebenes Gelände auf normalem Boden, kein Stein, keine Platten, Asphalt oder ähnliches. Wenn es regnet oder gerade scheint, versinkt mann, festes Schuhwerk ist auf jeden Fall gut. Der Markt ist Sonnabend und Sonntag geöffnet, ab 9.00 Uhr, so gegen 14.00/15.00 Uhr ist Schluß. Unter der Woche ist er auch geöffnet, aber es sind nicht so viel Händler da,und kaum private Anbieter.

Es gibt Stände mit Thee, Piroggen, Gebäck, Brot, Kaffee und kaltem, im Sommer auch Kwas, und inzwischen gibt es auch ein passables Klo.

Dieses Bügelbrett ist der „Esstisch“ von einem Imbissstand. 

Morjens

Das sind die Radios, die mir Lilija auf dem Udelka gekauft hat. Es sind Küchenradios, in der Sowjetunion gab es sie in jeder Küche. Es gab nur einen Sender der gehört werden kann, den Saatssender. Franco in Spanien hatte es auch so gemacht. Die meisten Küchen, auch und gerade in Platte, haben noch heute so ein „Ein-Kanal-Radio“.


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