Lettland: Die Seilbahn in Sigulda

Tach,

Auf dem Rückweg von St. Petersburg nach Berlin im Januar 2018 haben Lilia und ich zwei Stops bei Seilbahnen eingelegt, eine in Kaunas, eine in Sigulda. Litauen und Lettland. Die Bahn in Sigulda war die Erste auf unserem Weg. Sie ist in einer wunderhübschen Landschaft. In der Spitze, in der die Landstraße A 3 auf die Pseudoautobahn A 2 trifft, auf der Karte sieht es wie ein Tortenstück aus. Die A 2 ist eine fast Autobahn, sieht mann von dem üblichen ab: öffentliche Busse samt Haltestellen, Fahrradfahrer, Ampeln und Zebrastreifen. Die A 2 führt nach Riga. Ich erinnere mich noch gut an meine erste Fahrt auf dieser Strecke in die andere Richtung, nach Petersburg, nichts war ausgeschildert. Klar, daß ich die ersten dreimal an der Ausfahrt vorbeigerauscht bin. Inzwischen steht dort ein Schild. Damals bin ich dann weiter gefahren in Richtung Daugavpils, deutsch Dünaburg. Und habe dann in Sigulda bei Hesburger, das ist eine in Lettland und Litauen heimische Burger-Kette, inzwischen auch in St Petersburg (aber dort gibt es die Sojanuggets nicht), mir eine Portion Pommes reingezwungen, um Wlan zu haben und die Karte auf dem Tablett zu studieren. Die Funktion „meinen Standort festlegen“ gab es noch nicht, ich war also nicht viel schlauer als vorher. Nachdem ich zweimal zurückgefahren bin, um das Loch, an dem es rausgeht, zu finden, habe ich aufgegeben. Ich habe gedacht, zurecht wie sich herausstellte, wenn die A 3 auf die A 2 trifft, muß ich eigentlich nur halbwegs im 90 Gradwinkel von der A 3 links abbiegen, dann kommt schon irgendwann die A 2. Gesagt, getan, gefunden. Sofort war ich damals von der Landschaft beeindruckt, es gefiel mir unglaublich gut, da müssen wir mal hinfahren, sagte ich zu Lilia. Das ist wie die Holsteinische, Sächsische Schweiz. Inzwischen weiß ich, daß es tatsächlich Lettische Schweiz genannt wird. Haben wir aber nie gemacht, sowenig wie wir an der kurischen Nehrung waren oder auf den Inseln am Rand des Rigaischen Meerbusen, Saaremaa und Hiiumaa. (Das wir noch Meerbusen sagen und schreiben dürfen!). Immer nur durchfahren: eilig nach Petersburg, eilig nach Berlin. Augen geradeaus auf die Fahrbahn gerichtet! Damit ist es nun seit letztem Jahr endgültig Schluß. Ich habe keine Lust mehr zwei, drei Tage nur KM zu rocken. Ich möchte wissen, wo ich lang fahre, was es rechts und links zu sehen gibt. Von dem kürzesten Weg abweichen und auf Entdeckungsfahrt gehen. Und Eile ist sowieso gestrichen.

Das Logo der Stadt mit Hauptbahnhof.
Lilija ist fasziniert von diesen schwarz/weißen Dinger an den Zebrastreifen. Ich überlege die ganze Zeit, ob die LKW mit bestimmter Höhe nicht durchlassen sollen. Die Riesenspazierstöcke und Regenschirme sind über die ganze Stadt vertheilt, hat sich wohl irgendeine PR-Agentur ausgedacht, denn der Spazierstock ist das klassische Souvenir in dieser wanderfreudigen Gegend.
Leider hatten wir es, wegen dem dämlichen Lasgo in Berlin, ja eigentlich doch eilig. Also waren nur diese beiden Seilbahnen auf der Liste, von dreien, die halbwegs erreichbar, an der Strecke liegen und dem zaristischen Mittelpunkt Europas, bei Vilnus. Die fehlende Bahn mache ich dann erst mal alleine, auf dem nächsten Weg zu/von Lilija.

Wir sind von der A2 früh abgebogen in den Nationalpark rein und durch eine geradezu märchenhaft verschneite Landschaft gefahren. Die Seilbahn in Sigulda geht über die Gauja. Ein kleiner Fluß, der in einem kleinen Urstromthal fließt und aus der letzten Eiszeit stammt. Die Landschaft ist „rough“, wild, teilweise wird es sogar als Urwald bezeichnet. Geschichtsträchtig ist es auch. Burgen und deren Runinen. Wie immer hier in Gegend haben sich Livländer, Polen und Russen, die Schweden nicht zu vergessen, ewig bekämpft und mal hat der Eine dominiert, und dann wieder der Andere. Als die Bahnlinie Riga – Valka (kenne ich, fahre ich immer durch!) eröffnet wurde, 1889, wurde die Stadt und Umgebung schnell ein beliebtest Ausflugsziel für die reicheren Riganer, und selbst der Zar soll das ein oder andere Mal vorbeigekommen sein. Es ist eben ausgesprochen hübsch hier. Aber heutzutage erinnerte es mich doch alles in der Stadt Sigulda eher an das Rentner-Ausflugsziel Bad Zwischenahn oder Kurorte im Harz. Aber so hoch wie der Harz ist hier nichts, 80-100 m. Aber, wie im Harz, gibt es hier auch Grotten die mann auch besuchen kann. Wandern und Fahrradfahren ist dann angesagt, im Sommer, im Winter gibt es sogar eine Bobbahn. So, daß habe ich mir alles hinterher angelesen. Als wir dort ankamen, ging es einzig um die Seilbahn. Außer ein bißschen den Ort ansehen, einer kleine Essenspause, Postkarten schreiben, für mehr war keine Zeit eingeplant. Die Ruine mit Park ist ja vermutlich auch ein besseres Ausflugsziel im Sommer. Tatsächlich gab es aber sogar jetzt, im Winter, Wanderer. Ein paar Tage kann mann hier bestimmt verbringen ohne sich zu langweilen. Und für die ganz Harten, wie ich gelesen habe: die Welt Rockelite geht hier ein und aus, im diesem Jahr kommt Zucchero und die Untoten aus Norwegen: A-ha.

Die Seilbahn schwebt von der linken Uferseite auf die Rechte der Gauja. Außer das wir uns an der Landschaft erfreuen können hat das keinen „sittlichen Nährwert“ (hat meine Mutter immer gesagt), reicht mir aber völlig. Seit 1969 gibt es diese Schwebebahn, und es ist zu lesen, daß es die Einzige auf dem Baltikum ist! Die Bahn schwebt in 42 Meter Höhe über der Gauja. Es ist ein wunderbarer Blick über den Fluß und das Thal. Mit Voranmeldung hält die Bahn in der Mitte der Strecke und die Irren unter uns können einen Banjee Sprung wagen. Voranmeldung beim Gummispringer-Klub Lettlands! (Ich liebe Computerübersetzungen). Es war eine sehr hübsche Fahrt, aber leider sehr kurz. Zwölf Euro für die Hin und Rückfahrt fand ich auch ganz schön happig. Die Bahn fährt das ganze Jahr durch, alles zwanzig Minuten oder alle halbe Stunde, habe ich vergessen.

Sigulda ist adrett, um dieses hübsche, fast vergessene Wort zu benutzen. Es hat eben den Charme von deutschen Kurorten. Nach unserer Seilbahnfahrt hatte ich Hunger und habe nach einem Platz zum Pausieren gesucht, während Lilija zur Post ging. Genau gegenüber der Post, und in die andere Richtung vom Bahnhof, bin ich dann auf die Gaststätte Eklers, dieser Mischung aus Konditorei und Kantine, gestoßen. Das sah nicht nach schickem Touristending aus. Schon an der Thür wurden die Fronten geklärt: keine Karten, nur Bargeld; kein W-Lan; für Nichtgäste 1 € der Klobesuch. Ich konnte nicht widerstehen, da mußte ich rein. Gut so. Drinnen nach links Konditorei und rechts mehr der Mittagstisch. Leider waren wir schon etwas spät dran; nach der Post, gefühlte drei Stunden später, kam Lilija zu mir. Das Angebot bestand aus Piroggen mit unterschiedlichen Füllungen, Blini, Kartoffelbrei, Salate, Bratkartoffeln, toten Fisch – den Lilja gegessen hat – irgendwelches Fleischzeugs. Ganz offensichtlich alles selbstgemacht. Das es schmecken muß, davon zeugten auch die vielen Einheimischen, die hier aßen, ich glaube zu diesem Zeitpunkt waren wir die einzigen Touristen. Tja, ich gebe es ungern zu, aber ohne Lilija sind Bestellungen mit meinem Rumpelrussisch in solchen Läden schwer, aber ich habe ja noch Finger, also Rotebeetesalat und Kartoffelbrei, auf Nummer sicher gehen. Es gab sogar eine gute Caffèmaschine. Also auch Caffè. Aber ich hatte noch Hunger und Lilija kam und kam nicht. Was weiter essen? Buchweizen, immer gut. Dann kam endlich Lilija und ich konnte mir Blinis wünschen, eine Portion vom oberleckeren Kartoffelbrei war für Lilija auch noch da.

Die Blinis dauerten einen Moment, frische, extra für mich gemachte. Ach, ist das schön. Das Ganze machte den Eindruck eines Familienbetriebs, Mutter, Tochter, Schwiegersohn und das „dicke Mädchen“(Aschenputtel?), das in solchen Läden immer abräumen und ausfegen muß. Per Zufall hatte ich die richtige Wahl getroffen, es gab sowjetische Essen, eine Kantine eben. Ich liebe solche Läden, in Lviv gehe ich auch immer in einen dieser Art, in Odessa haben wir auch einen gefunden, leider ist der inzwischen geschlossen. In Petersburg gibt es noch ein paar Läden mit Pyschki. Dann wurden die nächsten Postkarten geschrieben, gleich eingeworfen und weiter ging die Fahrt.

 

Morjens

In Lettland geht es überall nach Riga, zur Hauptstadt. Das ist mir schon bei meiner ersten Fahrt durch Polen aufgefallen und auch in andren Ländern ist es ähnlich, in jeder Stadt, in jedem Dorf in Polen steht irgendwo mindestens ein Schild „Richtung Warschau“. Meist mehr als eins. In Deutschland? Wahrscheinlich findet mann nicht mal in Essen oder Saarbrücken ein Schild für Berlin. Deutscher Selbsthass halt, die andren Länder sind stolz auf ihre Hauptstadt und lieben sie.
Alle Photos von Lilia und Thomas Birr-Tsurkan, Birr’s World p & c 2018

Ein Film von vier die in meinem You Tube Kanal Birr’s World zu sehen sind, mit Impressionen von der Seilbahn in Sigulda.


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